 |
JOSEBA SARRIONANDIA
Der gefrorene Mann
2007/10
Roman
Lagun Izoztua, Elkar, Donostia/San Sebastian, 2001
Übersetzer: Petra Elser und Raul Zelik
432 Seiten
gebunden
978-3-936738-31-5
22.00 EUR (D)
22.60 EUR (A)
36.90 CHF (CH)
| Die Geschichte einer abenteuerlichen Flucht in Lateinamerika. Die Erinnerung an eine Jugend in den Siebzigern im Baskenland. Und die phantastische Schilderung einer Reise zum Südpol.
Preis der spanischen Literaturkritik 2001
|
| Eine Hütte an der Atlantikküste Nicaraguas: Goio, der baskische Krankenpfleger in dem tropischen Dorf, friert ein. Nicht im wörtlichen Sinne - er verliert Sprache und Erinnerung. Stumm sitzt er am Fenster und stiert hinaus in den Regen. Die aus der Hauptstadt herbeieilende Freundin Maribel hofft, den Kranken durch eine Begegnung mit der Vergangenheit von seiner Amnesie heilen zu können, und bricht mit ihm auf, um einen ehemaligen Schulfreund zu besuchen, der mittlerweile auch in Lateinamerika lebt. Doch Maribel und Goio kommen nicht an ihrem Reiseziel an. Die beiden, die vor zwanzig Jahren aus politischen Gründen aus Spanien geflohen sind, müssen mit gefälschten Papieren reisen. In Kolumbien werden sie in einer Militärkontrolle vorübergehend verhaftet und tauchen in einer Nervenheilanstalt unter, die von den Kindern eines Auswanderers geleitet wird. In drei verschiedenen Stimmen und Zeiten entfaltet sich nun der Roman: die Geschichte einer Flucht, die Erinnerung an ein Schuljahr im Spanien der frühen siebziger Jahre und die phantastische Erzählung einer Reise zum Südpol - einer tatsächlich fast vollständig gefrorenen Welt. Joseba Sarrionandia hat das Schicksal der mehr als tausend baskischen Flüchtlinge als Stoff gewählt, die - wie Sarrionandia selbst - bis heute in der Illegalität leben. Und doch hat er weniger ein Buch über den bis heute ungelösten baskischen Konflikt geschrieben. Viel eher geht es Sarrionandia, der facettenreich und mit zahlreichen Verweisen auf die Klassiker der Weltliteratur zu erzählen vermag, um die großen menschlichen Fragen: Einsamkeit, Freundschaft, Krankheit, Tod und vor allem: das Wesen der Erinnerung, der letzten verbliebenen Brücke des Exilanten nach Hause.
|
|
Preis der spanischen Literaturkritik für den besten Roman des Jahres 2001
|
| Joseba Sarrionandia, geb. 1958 in Iurreta (in der Nähe von Bilbao), gilt im Baskenland als lebende Legende und gehört zu den schillerndsten
Autoren weltweit. 1977 gründete er gemeinsam mit dem Schriftsteller Bernardo Atxaga und dem Musiker Ruper Ordorika die avantgar-distische Zeitschrift POTT, die maßgeblich zur Entwicklung der moder-nen baskischen Literatur beitrug. Etwa zeitgleich trat Sarrionandia aus Empörung über die politische Kontinuität nach dem Ende der Franco-Diktatur der Untergrundorganisation ETA bei. 1980 wurde er verhaftet, schwer gefoltert und wegen mehrerer Banküberfälle zu einer lang-jährigen Haftstrafe verurteilt. Fünf Jahre später gelang ihm auf spektakuläre Weise die Flucht. Zusammen mit einem Mitgefangenen wurde er nach einem Konzert in einer Lautsprecherbox aus dem Gefängnis geschmuggelt. Er floh über Frankreich und die Tschechoslowakei nach Algerien, wo sich seine Spuren verlieren.
|
|
|
| Der Freund ist gefroren. So stand es in einer der Nachrichten, die heute angekommen sind. Goio ist eingefroren. Sieh zu, dass du ihn so schnell wie möglich besuchen gehst. Josean Und in einer weiteren Nachricht: Eh, Maribel, du bist doch die Briefträgerin? Unser Briefkasten ist eingerostet und Vögel haben sich darin eingenistet.Tomas Aber die Briefkästen von fast allen von uns sind seit Langem eingerostete Vogelnester. Die Tiere haben sie in Beschlag genommen, um ihre Eier auszubrüten und die Jungen großzuziehen. Meine Aufgabe ist es, Briefe und Pakete für die versprengten Freunde entgegenzunehmen und so schnell wie möglich zu verteilen. Wie alle warte auch ich immer darauf, was aus unserem weit entfernten Zuhause hier eintrifft. Tomas werde ich in einem Telegramm antworten, dass es nicht die Schuld der Briefträgerin ist, wenn keine Post ankommt. Der Begriff gefrieren bedeutet, dass die in einem Körper oder einer Substanz befindliche Flüssigkeit so lange erkaltet, bis sie hart wird. Goio wohnt in der Nähe von Bluefields, Josean in Prinzapolka, das auch an der Atlantikküste liegt, aber etwas weiter nördlich als Bluefields. Goio ist gefroren - weiß der Kuckuck, was Josean damit meint. Goio lebt allein, seit fast vierzehn Jahren im Exil, mit falschen Papieren. Auf einer in der Mündung des Rio Escondido gelegenen Insel, in einem feuchten Haus mit Bretterwänden und Eternit-Dach. Jeder würde hier krank werden, verschimmeln oder verfaulen, mit der Zeit werden wir zwangsläufig alle krank werden, verschimmeln und verfaulen. Aber gefrieren? Niemand kann bei dieser tropischen Hitze gefrieren.
|
|